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Eine einmalige
Fasnachtsfigur ist sicher der Drapoling aus Amsteg und man sagt
auch, dass sie die ausgeprägteste und wildeste Maskenfigur im
Kanton Uri sei. Als einzige eigenständige Urner Maske blieb sie
bis in die heutige Zeit erhalten. Allerdings tritt sie heute
auch nicht mehr so zahlreich in Erscheinung, fast ist sie vom
Aussterben bedroht, wenn nicht die
Amsteger-Katzenmusik-Gesellschaft dieses Brauchtum noch pflegen
würde.

Ursprung
und Herkunft
Der Harlekin, von dem der
Drapoling offenbar das Kleid übernommen hat, reicht weit in die
Vergangenheit zurück. Wir müssen bis zu den germanischen Quellen
vordringen, die heute kaum mehr zu ergründen sind.
Der Harlekin ist
nämlich ursprünglich nichts anderes als der "hariloking",
der Heerkönig, d.h. Wodan selber, der die "familia Herlechin"
anführt, das unheimliche Totenheer, das in wilden gespenstischem
Zug in den finsteren Neujahrsnächten durch die Lüfte braust. Er
ist in dieser Form bereits für das Jahr 1091 bezeugt. Im Laufe
von Jahrhunderten nahm dabei aber sein Anführer "hariloking"
nach und nach weniger ernste, dann sogar komische Züge an.
Später nahmen ihn die
italienische Komödianten in ihre Comedia dell'arte auf und
wandelten ihn vollends zur heutigen Person der italienischen
Komödie auf der Bühne. Den Arlecchino. Dort erhielt er sein
typisches Kostüm mit den Rautenformen. Auf diesem Umweg über
Italien fand er schliesslich den Weg wieder zurück über die
Alpen in nördlichere Gegenden. Hier vermischte er sich mit
zahlreichen weiteren Elementen, deren Ursprünge nicht klar
belegt sind. Wie weiter aus der schweizerischen Volkskunde zu
entnehmen ist, war im 19. Jahrhundert der Harlekin in
verschiedenen Modifikationen besonders verbreitet, meist mit
hohem, kegelförmigem Hut, Schellenumgürtung und buntflickigem
Gewand. Unzweifelhaft gehört der Drapoling zu dieser Gruppe von
Masken.

Es gibt noch
eine ganze Reihe, vorab Innerschweizer Fasnachtsfiguren, die ihm
ähnlich sind, so z.B. die "Nüssler" in Schwyz. Der
"Blätz" ist ebenfalls eine Maskenfigur mit einem
rautenförmigen, farbigen Tuchstücken zusammengesetzten Gewand.
Der Drapoling
ist nicht nur Fasnachtsfigur, sondern auch eine unheimliche
Sagengestalt. Aus der Sagensammlung von Pfarrer Josef Müller
lesen wir: "An einem schmutzigen Donnerstag geschah es zu
Erstfeld, dass zwei Drapoling einem Geistlichen begegneten, der
auf einem Versehgang war (Weg des Priesters zu einem Todkranken,
um ihm die Sterbesakramente zu spenden). Der eine von ihnen zog
die Larve ab und bezeugte die gebräuchliche Reverenz. Der andere
hingegen nahm einen Luftsprung und klopfte sich auf den Hintern.
Aber die gerechte Strafe Gottes erreichte ihn. Die Larve konnte
er nicht mehr vom Gesicht entfernen. Später verbrannte er
mitsamt seinem Haus".
Die
Drapoling-Sage ist in dieser oder ähnlichen Formen in mehreren
Gemeinden beheimatet. Der Drapoling von Amsteg haust in einem "Gädeli",
um das es nicht geheuer ist. Oft höre man drinnen ein
grässliches Gepolter und Schellengerassel. Auch in Silenen,
Bürglen und im Schächental kennt man ähnliche Sagen dieser
lebhaften Fasnachtsfigur.
Neubelebung des
Brauches
Der Drapoling
war im vorderen Schächental und im unteren Reusstal zu Hause. Im
Schächental behaupteten die Leute, so lange einer in diesem
Gewand stecke, sei er ein Teufel und wenn er darin sterbe, fahre
er unrettbar zur Hölle.
Jetzt ist er
fast überall verschwunden, nur in Amsteg und Silenen trifft man
ihn seit ein paar Jahren wieder häufiger an. Früher gab es fast
ein Dutzend Familien in Silenen und Amsteg, die den Drapoling
Gewänder selbst herstellten und dann vermieteten. Heute sind es
noch zwei Familien in Silenen, die solche vermieten.

Bevor dieser
Brauch ganz verschwand, hat sich vor ein paar Jahren -1979- eine
spezielle Gruppe der Katzenmusik-Gesellschaft Amsteg das Ziel
gesetzt, den Drapoling wieder neu aufleben zu lassen. In der
Geschichte wurde geforscht, die ursprüngliche Form und Gestalt
des Gewandes, des Hutes des Schellengurtes und der Maske wurden
ergründet. (Geschichtlich belegt). Glücklicherweise fand sich
ein aktives Mitglied der Katzenmusik, welches begann, eigene
Drapoling Gwändli für die Katzenmusik-Gesellschaft zu nähen. Für
den Fleiss und die Ausdauer, einen alten Fasnachtsbrauch wieder
aufleben zu lassen, wurde die Katzenmusik-Gesellschaft mit dem
Förderungspreis der Kunst- und Kulturstiftung Heinrich Danioth
ausgezeichnet, Das gab Ansporn zu Neuem.
Damit der Brauch
weiterlebt und auch andern wieder bekannt wird, hat die
Drapoling-Gruppe Amsteg weitere Anstrengungen unternommen. Sie
nahm und nimmt an verschiedenen Fasnachtsumzügen teil. So z.B.
sind sie beim grossen Eintrommeln der Fasnacht in Altdorf zu
sehen. Ausserhalb des Kantons waren sie bereits in Wohlen,
Unterägeri, Küssnacht, Martigny, Schwyz, Willisau zu sehen. Ein
besonderer Dank gebührt auch der Zeitschrift "Schweizer
Familie", die 1983 des Fasnachtsfigur Drapoling einen grösseren
Beitrag widmete.
Es ist weiterhin
das Ziel der Katzenmusik-Gesellschaft Amsteg den Brauch bekannt
zu machen, indem an verschiedenen Fasnachtsumzügen und
Grossanlässen teilgenommen wird.
Der Drapoling
Der Drapoling
trägt ein Gewand aus grauem oder graubraunem Stoff, oft aus
Sacktuch, das über und über mit farbigen, aufgenähten
Tuchstücken besetzt ist. Das Gewand ist zweiteilig und besteht
aus Hose und bis zur Hüfte reichenden Kittel mit langen Ärmeln.
Die bunten, ausgesetzten Stoffstücke haben die Form von
Längsstreifen und Rauten, die letzteren in reihen-förmiger
Anordnung. Streifen und Rauten sind meist nebeneinander und
abwechslungsweise verwendet, in selteneren Fällen auch nur die
Rauten für sich allein und ganz vereinzelt nur die Streifen. Die
Farben dieser Stoffstücke sind in den weitaus meisten Fällen
rot, grün, gelb und schwarz.

Ueber den Kopf
bindet sich der Drapoling ein helles Tuch, das ihm über den
Nacken fällt und seine Schultern wie ein breiter Kragen bedeckt.
Vor dem Gesicht trägt er eine billige, fabrikmässig hergestellte
Larve, wie man sie in jedem Laden kaufen kann. Gelegentlich
sieht man auch Drapolinge, die sich einen Strumpf über den Kopf
gezogen und ein primitives Gesicht darauf gemalt haben: rote
Backen und ein keckes Schnäuzchen. Der Drapoling trägt eine
hohe, eigenartig geformte Mütze mit aufgebogenem Rand. Sie ist
steif und nach vorne gebogen, und an ihrem oberen Ende baumelt
ein dicker Zottel. Die Mütze trägt die gleichen Farben wie das
Gewand. In neuerer Zeit ist er auf den Seitenflächen der Mützen
verziert mit den Symbolen von Sonne, Mond und Sterne.
Um den Bauch
bindet sich der Drapoling einen breiten, braunen Ledergurt mit
zahlreichen aufgenähten, runden Schellen. Dieser Gurt wird mit
Riemchen und Schnallen auf der Bauchseite zusammengehalten.
Frühe soll sogar das Gewand mit vielen Schellen besetzt gewesen
sein. Diese 1945 geschriebene Schilderung besitzt heute
allerdings keine Gültigkeit mehr. Vor allem die Requisiten, die
der Drapoling mit sich herumträgt, haben sich im Laufe der Zeit
stark gewandelt. Nach alten Unterlagen von Dr. Karl Lusser war
der Drapoling 1835:
"Ein maskierter
Mann in aus vielfarbigen Stücken zusammengenähter Kleidung mit
Narrenkappe und einer Keule". Ein weiterer Urner beschrieb im
ersten Viertel unseres Jahrhunderts die Drapolinge so:
"Sy hennt
plätzets Gwand und ä Hüffä Relläli dra und hennt diä
wiäschtäschtä Maschgärä, sy nähmet diä erscht bescht, wo's
erwitschet. Wenn Schläs'm (schmelzender Schnee) isch, sä
schpringet's i d'Gillä-n-innä und tiänt Kind und d'Lyt
v''rschpritzä und äu such d'Lytt erchlipfä und Kind ummä
schpränggä. Mängisch hennt-s ä Schtäckä byn-n-ä und machet mit
dem allerlei Maneever!"
Heute führt die
Figur als Requisiten Kuhschwänze, Stricke und Schweinsblasen an
Schnüren mit sich. Aus Amsteg sind auch Drapolinge bekannt, die
Reisbesen bei sich haben. Hohe, schwarze Schuhe und Handschuhe
vervollständigen das Kostüm des Drapolings, dessen Körper damit
von oben bis unten völlig bedeckt ist, ohne das kleinste
Stücklein Haut frei zu lassen.
Die wilde
Urner Maske
Der Drapoling
ist der ausgeprägteste und wildeste Urner Maskentyp. Als
einzige, eigenständige Urner Maske vermochte er sich in die neue
Zeit hinüber zu retten, allerdings nicht sehr zahlreich, so dass
er heute vom Aussterben bedroht ist. Er legt ein tolles und
freches gebaren an den Tag und ist in ständiger Bewegung, damit
die zahlreichen Schellen seines Gurtes unaufhörlich klingeln.
Entweder rennt er mit grossen Schritten herum, was ein
rhythmisches Geschell verursacht, oder trippelt unruhig an Ort,
so dass die Glöcklein bedrohlich klingeln. Der Drapoling
verfolgt die Leute auf der Strasse, vor allem natürlich junge
Mädchen, und versucht sie mit den Stricken und Schweinsblasen zu
schlagen. Er packt die strampelnden Buben und Mädchen und trägt
sie in den Armen eine Strecke weit fort. Er dringt in die
Wirtschaften und bringt eine von Fröhlichkeit und Schrecken
gemischte Stimmung in die Lokale. Er hebt die Gäste mitsamt
ihren Stühlen vom Boden empor, schaukelt sie hin und her und
stellt sie schliesslich mit unsanftem Ruck wieder nieder, nicht
ohne ihnen mit der Hand die Haare ordentlich zerzaust zu haben.
Aber plötzlich, so unerwartet wie er gekommen ist, lässt er sein
ausgelassenes Spiel und verschwindet wieder. Der Drapoling tritt
selten allein auf, denn als Gruppe steigert sich die
schreckhafte Wirkung noch, die er verbreitet. In Amsteg gab es
einmal Drapolinge, die Reisbesen mit sich führten. Mit diesen
kehrten sie die Strasse und fuhren dann plötzlich, ihre "Arbeit"
unterbrechend, auf harmlose Zuschauer los. Im wesentlichen ist
der Drapoling eine stumme Maske. Er spricht kein Wort und gibt -
abgesehen vom erwähnten Schellengeklirr - keinen Laut von sich,
was seine unheimliche Wirkung zweifelhaft wesentlich erhöht.

Der Drapoling
ist eine Maskenfigur, die nur im unteren Reusstal und im
vorderen Schächental beheimatet ist. Er ist in den sechziger
Jahren unseres Jahrhunderts noch bezeugt aus Altdorf,
Schattdorf, Erstfeld, Silenen, Amsteg und Bürglen. Am stärksten
vertreten ist er heute noch in der Gegend von Silenen-Amsteg.
Das Auftreten
des Drapolings ist auf die Fasnachtszeit beschränkt. Sein
hauptsächlichster Tag ist aber heute ohne Zweifel der Schmutzige
Donnerstag.
Es gibt eine ganze Reihe, vorab
innerschweizerische Fasnachtsfiguren, die aus ganz ähnlichen
Elementen zusammengesetzt sind. Beim fasnächtlichen "Nüsslertanz"
in Schwyz begegnen wir zum Beispiel dem "Blätz"
ebenfalls einer Maskenfigur mit einem aus rautenförmigen,
farbigen Tuchstücken zusammengesetzten Gewand. Es gibt auch
volkskundliche Meinungen, dass die farbigen Tuchstücklein
symbolische Bedeutung haben und Roggen- und Gerstensäcklein
darstellen. Der "Blätz" wäre demnach ein
Fruchtsbarkeitsbringer. Er trägt wie der Drapoling einen
Rölleligurt, jedoch nicht um den Bauch, sondern um die Schulter.
Vielleicht sind wir hier auf einem weiteren Herkunftsmotiv des
Drapolings gestossen: den Fruchtbarkeitskult. In dieser Richtung
weist nämlich eine seiner Tätigkeiten, das Schlagen mit Ruten
und Stricken, das im volkskundlichen Bereich meist diese
Bedeutung hat. Auch der "Märchler Rölli", der
Wylägerer Fasnächtler" aus Unterägeri, der Rothenthurmer
"Tiroler" und der Gersauer "Rölli" zeigen alle
gewisse verwandte Züge mit dem Drapoling. Ihnen allen ist der
Schellengurt gemeinsam. Typisch urnerisch am Drapoling ist die
Verbindung von Harlekinsgewand und um den Bauch getragenem
Schellengurt und vorallem die eigenwillige Mütze mit dem Zottel,
die einmalig ist und nirgends ein Vorbild hat.
Im Lauf von
tausend Jahren ist beim Drapoling eine Sinnverschiebung vor sich
gegangen die deutlich macht, wie sehr sich alles im Laufe der
Zeit wandelt. Doch das Vermummte und Stumme dieser Maskenfigur
hat auch heute oftmals etwas geradezu Unheimliches an sich, so
dass es manchmal scheinen will, als habe sich der Ring wieder
geschlossen: Der Drapoling wandelt sich wieder zurück von der
ausgelassenen Fasnachtsfigur zu einer Gestalt aus dem
unheimlichen Heer der Toten, das in der Dunkelheit
vorüberbraust. Vielleicht ist damit die düstere Herkunft des
Drapoling im Bewusstsein des Volkes nie ganz verloren gegangen. |